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Anlage-Paradoxon

08.03.2021

„Der Technologie- und Pharmasektor ist sicher ein enormer Wachstumsmarkt. Beide sind in unseren Portfolios schon seit Jahren vertreten.“ Georg Frischmann im Interview.

Interview: Marina Bernardi

Fotocredit Andreas Friedle

 

Die Coronakrise stellt uns vor viele Fragen. Vor allem am Geldmarkt herrschen interessante Dynamiken. Während die Wirtschaft im vergangenen Jahr einbrach, verzeichneten die Börsen teils satte Zuwächse, und würde man annehmen, Anleger wären in solchen Zeiten auf Sicherheit bedacht, so schaut die Praxis anders aus.

 

Die Konjunktur ist im vergangenen Jahr in Österreich um rund 7,5 Prozent eingebrochen. Am Aktienmarkt spiegelt sich dieser Abwärtstrend nicht wider, im Gegenteil. Immobilien und Gold stehen nach wie vor hoch im Kurs, auch die Sparquote ist gestiegen. Wir haben MMag. Georg Frischmann, Leiter des Private Banking der Hypo Tirol Bank, in den umgebauten Private-Banking-Räumlichkeiten im vierten Stock in der Bankzentrale am Innsbrucker Bozner Platz getroffen und mit ihm über die aktuelle Situation und die Zukunft gesprochen.

 

ECO.NOVA: Hat die Coronakrise Aus­wirkungen auf das Anlegerverhalten? GEORG FRISCHMANN: Interessanterweise steigt die Risikobereitschaft unter den Anlegern im Vergleich vor der Krise, was eigentlich paradox scheint. Schaut man jedoch genauer hin, macht das durchaus Sinn. Europa befindet sich seit acht, neun Jahren in einer Nullzinsphase und ich habe das Gefühl, dass Corona ein Auslöser dafür war, dass die Leute nun realisiert haben, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Die Hoffnung vieler Österreicher auf ansteigende Zinsen ist endgültig zerschlagen worden, was bedeutet, dass man Alternativen sucht. Und eine höhere Rendite geht unweigerlich mit einem erhöhten Risiko einher.

 

Das Thema der Veranlagung ist in den letzten Jahren nicht unbedingt einfacher geworden. Nun kam auch noch eine Krise dazu, so mancher flüchtet sich fast ref­lexartig in Gold oder Immobilien. Beob­achten Sie das auch bei Ihren Kunden? Ja, durchaus. Generell stehen Sachwerte sehr im Fokus. Ich empfehle für langfristig orientierte Anleger auch seit Jahren, Sachwerte den Geldwerten vorzuziehen. Wir sehen, dass sich viele Leute durch die aktuelle Situation wieder mit dem Thema der Geldentwertung zu beschäftigen beginnen. Sie verstehen nicht, wo diese großen Geldsummen her- kommen, die aktuell rund um den Globus in den Markt gepumpt werden. Österreich erlebte in den 1920er- und 1930er-Jahren Währungsreformen, die teilweise noch in den Köpfen verankert sind, und Menschen neigen dazu, Parallelen zu ziehen. Betrachtet man die Vergangenheit, waren die einzigen Anlageklassen, die Krisen und Reformen stets gut überstanden haben, Immobilien, Aktien und andere Sachwerte. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum gerade in Krisenzeiten vermehrt darin investiert wird.

 

In welchen Branchen sehen Sie aktu­ell die besten Möglichkeiten bzw. gibt es auch abseits der Onlineriesen und Pharmaunternehmen Krisengewinner, die es lohnt, näher ins Auge zu fassen? Der Technologie- und Pharmasektor ist sicher ein enormer Wachstumsmarkt. Beide sind in unseren Portfolios schon seit Jahren vertreten, ganz unabhängig von Corona. Die Pandemie hat diesen Trend allenfalls verstärkt. Die Pharmabranche halten wir langfristig vor allem aufgrund der demographischen Entwicklungen für Anleger interessant. Die Weltbevölkerung wird immer älter, die Medizinkosten steigen dadurch überproportional an. Im Schnitt geht man davon aus, dass die Medizinkosten in den nächsten 20 bis 30 Jahren um rund fünf Prozent per anno steigen werden, also deutlich höher als das BIP-Wachstum. Deshalb gehen wir auch davon aus, dass die Pharmabranche davon profitieren wird. Dasselbe gilt für den Technologiebereich: Onlineshopping, Streamingdienste und neue Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz sind hier die Treiber.

 

Viele dieser technologischen Entwicklungen kommen aus den USA oder China. Halten Sie China für einen interessanten Markt? China wird in den nächsten sieben, acht Jahren die größte Volkswirtschaft der Welt werden. Der chinesische Aktienmarkt ist im Verhältnis zum BIP sehr klein, in globalen Portfolios ist China noch stark unterrepräsentiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Indexanbieter MSCI vermehrt chinesische A-Aktien – chinesische Inlandsaktien, auf die man als ausländischer Investor lange keinen Zugriff hatte – aufzunehmen. Das wird dazu führen, dass vermehrt institutionelle Gelder nach China fließen, was dem dortigen Aktienmarkt durchaus guttun und ihn effizienter machen wird. Daneben gibt es in China eine unglaubliche Dynamik im Technologiesektor, die jeder im Silicon Valley in nichts nachsteht. Auch auf dieser Ebene erwarten wir in den nächsten Jahren überproportionales Wachstum.

 

Schauen Anleger genauer hin, in welche Unternehmen sie investieren, also vermehrt in nachhaltige oder europäische Unternehmen? Wir sehen es als unsere Aufgabe, unseren Kunden ein globales Portfolio zusammenzustellen. Nachhaltigkeit ja, Europa indes sehe ich unter objektiven Gesichtspunkten nicht als Wachstumsmarkt. In den letzten Jahren landeten europäische Aktien mit ihrer Performance immer auf den hinteren Plätzen. Das Problem ist, dass der demographische Wandel Europa am stärksten trifft, die Erwerbsbevölkerung sinkt. Dazu kommt, dass es in Europa wenig innovative Großunternehmen in den Zukunftsbranchen gibt. Europa ist im Pharmabereich, beim Thema Industrie 4.0, in der Automation oder Robotertechnik gut aufgestellt und wird auch in Zukunft ein wichtiger Markt bleiben, dennoch erwarten wir in den USA und im asiatischen Bereich mehr Wachstum und Innovation.

 

Nun ist die derzeitige Krise nicht mit der Finanzkriese zu vergleichen – waren in der Finanzkriese noch die Banken das Problem, sind sie jetzt Teil der Lösung. Kann man trotzdem von dem Wissen, das man aus der Finanzkriese mitgenommen hat, etwas nutzen? Vorranging die Zentralbanken und die Regierung haben sehr viel daraus gelernt, vor allem was Geschwindigkeiten von Hilfen betrifft. Die Finanzkrise begann mit der Lehman-Pleite im September 2008, das erste Konjunkturprogramm kam im Frühjahr 2009. Hier ist man deutlich schneller geworden. Was mir persönlich in den letzten 15 Jahren, seit ich mich mit der Börse beschäftige, immer mehr bewusst geworden ist, ist der enorme Einfluss der Notenbanken auf die Märkte. Auf der einen Seite sorgen sie für eine Stabilisierung des gesamten Systems, auf der anderen Seite hebeln Notenbanken sowie fiskalische Programme der Regierungen damit aber auch ein Stück weit die Marktkräfte aus. Diese Pandemie hat uns das noch einmal deutlich vor Augen geführt. Der Aktienmarkt steht heute um zehn Prozent höher als vor einem Jahr, während die Wirtschaft weltweit um rund vier Prozent eingebrochen ist. Während der Aktienmarkt mit Ausnahme einzelner Segmente aus meiner Sicht durchaus effizient bewertet ist, sehe ich vor allem am Anleihenmarkt enorme Verzerrungen durch die Notenbankinterventionen.

 

Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, braucht es vor allem Konsum. Das Geld sollte also eher ausgegeben denn angelegt werden. Gibt es hier eine Tendenz unter Ihren Kunden? Das Spannendste an dieser Krise ist für mich: Wir erleben die erste Rezession, in der viele Menschen schlussendlich mehr Geld haben als zuvor. Während die Staaten extrem viel Geld auf Pump verteilt haben, um die Wirtschaft anzukurbeln, sind gleichzeitig die Sparquoten gestiegen und damit die Konto- und Geldvermögen. Es besteht also durchaus Hoffnung, dass die Bevölkerung diese Gelder verkonsumiert. Vermögende Kunden decken ihre Veranlagung erfahrungsgemäß jedoch los- gelöst vom Konsum.

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